home Beiträge Kultur „Widerstand damals und heute“ – Talkrunde zur Göttinger Ausstellung „Resistenza“  · 

„Widerstand damals und heute“ – Talkrunde zur Göttinger Ausstellung „Resistenza“

Sendung: Mittendrin [Redaktion]
Autor: Tina Fibiger
vom 12.09.2017 (bisher gehört: 68 | gelesen: 138)
Dauer: 04:09 Minuten

Beispiele für massenhaften Ungehorsam und kollektive Verantwortung demonstriert eine Wanderausstellung in der Göttinger Stadtbibliothek. Sie widmet sich dem italienischen Widerstand und wie er in den Jahren 1943 bis ´45 gegen die deutsche Besatzung kämpfte. Ergänzend zur Ausstellung „Resistenza“ hatte der Göttinger Verein zur Förderung antifaschistischer Kultur eine Talkrunde organisiert. Im Gespräch mit Göttinger Historikern stand das Thema „Widerstand damals und heute“ zur Diskussion. Tina Fibiger war für uns dabei.

mp3
Lade Player...
Dieser Beitrag wird Ihnen präsentiert von Job Mode.

Manuskript

Text

Was bedeutet Widerstand? Zählt dazu schon die bloße Verweigerungshaltung oder ist dazu aktives Handeln erforderlich? Sind Boykottaufrufe und Flugblätter schon ein Akt des Widerstandes oder gilt der Begriff  nicht vor allem für Anschläge und Attentate, die sich gegen ein Terrorsystem richten? Schon bei der Begriffsklärung zeigt sich, dass die Fragestellung der Talkrunde in der Göttinger Stadtbibliothek viel zu komplex für einfache Antworten ist. Hilfreich scheint zunächst der Verweis der Göttinger Historikerin Frauke Geyken auf das Begriffsmodell des Historikers Detlef Peukert, der Widerstand als Prozess beschreibt, von der Nonkonformität, über die aktive Verweigerung hin zu einer widerständlichen Handlung. Sie betont auch den Handlungsspielraum, der dabei von entscheidender Bedeutung ist.

 

O-Ton 1, Frauke Geyken, 26 Sekunden

„Was man sich ja für den historischen Widerstand immer wieder klar machen muss: Die Voraussetzungen, vor denen dieses ganze Geschehen stattfindet, das ist das Terrorregime, das ist kein Regime, mit dem man diskutieren kann, was sofort bei der kleinsten auch nur Ahnung von Widerstand mit Gewalt reagiert. Das muss man sich eben wirklich immer wieder klar machen. Und da haben wir dann eben wieder diesen Handlungsspielraum, dem Staat  zu schaden im Rahmen dessen was möglich ist.“

 

Text

Das Thema  „Widerstand gestern und heute“ erweist sich als schwer zugänglich für einen schlichten historischen Vergleich, sei es über die Formen friedlicher und radikaler Proteste und auch was die Motive und die Auswirkungen betrifft. Vor diesem Dilemma stand die Talkrunde auch bei den nachfolgenden Impulsreferaten für das geplante Publikumsgespräch. Der Göttinger Roland Laich beschreibt zum Beispiel den Widerstand in Luxemburg, der bereits 1933 einsetzte, lange bevor das Land von Hitlers Wehrmacht okkupiert wurde. Dass hier politische Flüchtlinge Unterstützung fanden und Flugblätter über die Grenze geschmuggelt wurden, um den kommunistischen Widerstand zu stärken. Auch von französischen und belgischen Fluchtnetzwerken während des Krieges berichtet Laich und von einem Streik in Luxemburg, der das ganze Land erfasste.

 

O-Ton 2, Roland Laich, 18 Sekunden

„Das war eigentlich ein sehr spontaner Streik und zwar als Reaktion auf die Einführung von Zwangsrekrutierungen, einerseits von Männern in die Wehrmacht und von Frauen in den Arbeitsdienst. Er wurde total niedergeschlagen von der Gestapo. Die ging sehr brutal vor. Es gab 21 Hinrichtungen, die auch sehr öffentlich zur Abschreckung dann plakatiert wurden.“

 

Text

Auch wenn dann der Historiker Rainer Driever in seinem Impulsreferat den Widerstand in der damaligen NS-Hochburg Göttingen zur Sprache bringt, erlaubt auch hier der historische Kontext wenig Lesarten für aktuelle Widerstandsbewegungen wie beispielsweise beim G 20 Gipfel. Das gilt ebenso für das  Antifa-Statement, dass es legitim sei, bei Neonazi Aufmärschen den Zugverkehr lahm zu legen oder Straßenkreuzungen zu blockieren und dass hier der Staat den Antifaschismus kriminalisiere. In der nachfolgenden Diskussion geht es dann auch weniger um Protestcamps, Boykottaktionen, Demonstrationen und andere Formen des Widerstandes in der aktuellen politischen Kampfzone sondern um die Fragen, die sich an den historischen Beispielen immer wieder neu stellen: Muss man Widerstand im Kontext von drohenden Repressionen sehen? Gibt es eine Grenze zwischen Unangepasstheit und Widerstand und ist der Akt der Verweigerung nicht auch schon ein bewusstes Zeichen, selbst wenn darauf kein aktives Handeln erfolgt? An diese Fragen und mögliche Lesarten knüpft Roland Laich auch in seinem Abschlusskommentar an.

 

O-Ton 3, Roland Laich, Sekunden

„Widerstand fängt keineswegs erst dann an, wenn die Gestapo manifest ist sondern Widerstand hat die größeren Chancen, wenn es nicht so weit ist und deswegen ist es sehr wichtig, sich im hier und jetzt zu überlegen, vielleicht auch anhand der historischen wie hätte ich mich damals verhalten?  Man muss eine Haltung sich erarbeiten. Und wenn man mit offenen Augen durch das hier und jetzt läuft gibt es so viele Dinge, wo ganz klar ist, natürlich habe ich eine Haltung, die nehme ich ein im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ich fange an zu verweigern bis ganz aktiv zu bekämpfen.“

Zur Verfügung gestellt vom StadtRadio Göttingen

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für private Zwecke benutzt werden. Jede andere Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der Öffentlichkeit, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit Zustimmung der Autorin bzw. des Autors zulässig. Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf der Genehmigung des StadtRadio Göttingen.
 

 
Hosting und Streaming von Syndicat