home Beiträge Politik Gedenkstunde 9. November am Göttinger Mahnmal der Synagoge  · 

Gedenkstunde 9. November am Göttinger Mahnmal der Synagoge

Sendung: Mittendrin [Redaktion]
Autor: Tina Fibiger
vom 10.11.2017 (bisher gehört: 68 | gelesen: 151)
Dauer: 05:00 Minuten

Am Mahnmal der jüdischen Synagoge wurde auch in diesem Jahr zum 9. November an die Reichspogromnacht erinnert. Im Zentrum der traditionellen Gedenkstunde stand diesmal die Vertreibung und Entrechtung jüdischer Wissenschaftler, die an der Georgia Augusta forschten und lehrten. Unter Leitung des Historikers Dirk Schumann widmeten sich Studierende des Faches Geschichte den Biografien jüdischer Wissenschaftler. Sie erinnerten an das tosende Schweigen, mit dem die akademische Welt bereits 1933 auf das nationalsozialistische Terrorsystem und das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums reagierte. Tina Fibiger war für uns dabei.

mp3
Lade Player...
Dieser Beitrag wird Ihnen präsentiert von Das Backhaus.

Manuskript

Text

Im April 1933 entließ die Georgia Augusta die ersten sieben von fast 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Sie machte sich damit zum Erfüllungsgehilfen für das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, mit dem die jüdischen Wissenschaftler aus Forschung und Lehre vertrieben wurden. Tosendes Schweigen herrschte in den Fakultäten wie die Geschichtsstudieren bei der Gedenkstunde am Mahnmal berichten. Dagegen gab es wütende Proteste, als der Göttinger Physiknobelpreisträger James Franck daraufhin seinen Rücktritt erklärte.

 

O-Ton 1, Einspieler Gedenkstunde, 22 Sekunden

„41 Dozenten der Universität reagierten auf seine Erklärung mit offener Anfeindung und bezeichneten diese als Sabotageakt. Sie forderten die Regierung auf, ich zitiere, „die notwendigen Reinigungsmaßnahmen beschleunigt durchzuführen.“ Unter den Opfern waren Emmy Nöther, Heinrich Düker, Bernhard Zimmermann sowie Felix Stern, Richard Falk und Otto Reiss.“

 

Text

Gebrochen wurde das tosende Schweigen nur selten, wie zum Beispiel bei der Mathematikerin Emmy Nöther, die als erste Frau in Göttingen habilitiert wurde und 1933 in die USA  emigriert war, wo sie bereits ein Jahr später starb. In ihrem Fall hätten sich die antisemitischen Vorurteile mit der forcierten Rückkehr zu einem konservativen Geschlechterbild summiert, erklären die Zeitchronisten. Bei dem Psychologen Heinrich Düker kam sein politisches Engagement als Mitglied des Internationalen sozialistischen Kampfbundes hinzu, eine Anklage wegen Hochverrates, der Entzug der Lehrerlaubnis und im Dezember 1944 die Deportation in das KZ Sachsenhausen. Düker gehört zu den wenigen Opfern, die danach von ihren Kollegen unmittelbare Unterstützung erfuhren und an der Georgia Augusta eine außerplanmäßige Professur bekam.

 

O-Ton 2, Einspieler Gedenkstunde, 20 Sekunden

„ Auch nach dem Krieg führte Düker sein politisches Engagement weiter. 1946 wurde er für ein Jahr Oberbürgermeister der Stadt Göttingen. Darüber hinaus war er Mitglied im Entnazifizierungsausschuss der Universität. Bis zu seiner Emeritierung im März 1967 lehrte Düker an der Universität Marburg.“

 

Text

Auch an Bernhard Zimmermann, einen Pionier der Deutschen Sportwissenschaft wird anlässlich der Gedenkstunde erinnert. Dass er anlässlich des 200-jährigen Universitätsjubiläums aufgefordert wurde, entweder in den Ruhestand zu gehen oder einen Antrag auf Versetzung einzureichen und schließlich nach Großbritannien emigrierte. Keinen Ausweg sah dagegen der Neurologe Felix Stern, der nach seiner Entlassung in Berlin eine Privatpraxis eröffnete und sich das Leben nahm, als ihm 1941 die Deportation drohte. Dass die antisemitischen Anfeindungen bereits vor Beginn der NS-Herrschaft einsetzten, dokumentieren die Studierenden an den Biografien der Forstwissenschaftler Richard Falk und Otto Reiss, die wie viele ihrer Kollegen von Studierenden als Unkraut bezeichnet wurden, das ausgerissen werden müsse. Sie berichten auch von einem Brief, in dem Reiss am 21. Februar 1933 ein letztes Mal um Hilfe bat, bevor er nach Frankreich emigrierte und von dort aus in das KZ Maidanek deportiert wurde

 

O-Ton 3, Einspieler Gedenkstunde, 20 Sekunden

„Noch sitze er als preußischer Beamter, ich zitiere,“ in diesem Gott verlassenen Nazinest.“ Nur wenige Wochen später verließ Reiss wie sein Vorgesetzter Falk Hann. Münden nach offenen Vertreibungsaufforderungen von Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern, noch vor dem Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.“

 

Text

Niemand der Herren in den Talaren habe so recht genötigt werden müssen, den Herrenmenschen ihre Schaftstiefel zu lecken, kommentiert Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler das tosende Schweigen an der Georgia Augusta. In seiner Rede zur Gedenkstunde am Mahnmal betont er auch das Verhalten des akademischen Umfeldes angesichts der Entrechtung und Vertreibung der jüdischen Wissenschaftler.

 

O-Ton 4, Rolf Georg Köhler, 32 Sekunden

Sie waren in guter Gesellschaft damals, die Professorinnen und Professoren, denen es nichts auszumachen schien, Max Born oder Richard Courant davon zu jagen. Wie sie schwieg auch die bürgerliche Nachbarschaft. Göttingen unterm Hakenkreuz war eine Schande. Eine Schande für Göttingen samt Georgia Augusta eine einzige Schande. Diesen scheußlichen Kapiteln von Stadt- und Universitätsgeschichte müssen wir uns stellen, im demütigen Gedenken an die Frauen und Männer, denen so großes Unrecht zugefügt wurde und in der festen Entschlossenheit, für alle Zeiten daraus gelernt zu haben.

 

Text

An die Verfolgung Göttinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler soll nach der Gedenkstunde auch eine Gedenktafel erinnern. Die Einweihung erfolgt am 18. November in der Aula am Wilhelmsplatz.

 

Zur Verfügung gestellt vom StadtRadio Göttingen

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für private Zwecke benutzt werden. Jede andere Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der Öffentlichkeit, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit Zustimmung der Autorin bzw. des Autors zulässig. Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf der Genehmigung des StadtRadio Göttingen.
 

 
Hosting und Streaming von Syndicat