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Vom Gericht mundtot gemacht? - Der Fall der Göttingerin Lisa Hase

Sendung: Der Nachmittag - Information zum Feierabend [Redaktion]
Autor: Christoph Höland
vom 17.12.2015 (bisher gehört: 239 | gelesen: 1563)
Dauer: 03:30 Minuten

Wenn sich jemand vor Gericht begibt, dann meist aus guten Gründen. So auch Lisa Hase. Sie ist vor Jahren vor Gericht gezogen, um Schadensersatz für Behandlungsfehler ihrer Zahnärzte einzufordern. Plötzlich ging es aber nicht mehr um ihre Zähne, sondern ihren Geisteszustand. Christoph Höland hat sich den Fall mal genauer angeschaut.

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Manuskript

O-Ton 1, Lisa Hase, 12 Sekunden

„Angefangen hat es damit, dass ich in der Zahnklinik Göttingen eine Brücke eingesetzt bekommen habe. Und unmittelbar nach Einsetzen dieser Brücke bekam ich starke Schmerzen in den Pfeilerzähnen der Brücke.“

 

Text

Erzählt Lisa Hase. Was folgte war eine Odyssee von Zahnarzt zu Zahnarzt. Bis sie schließlich einen gefunden hat, der ihr helfen konnte.

 

O-Ton 2, Lisa Hase, 4 Sekunden

„Na, es war dann so, dass ein Zahnarzt festgestellte, dass ich Störungen im Zusammenbiss der Zähne hatte.“

 

Text

Weil sie mittlerweile erhebliche Folgeschäden hatte, hat sie 2004 einige der ursprünglichen Zahnärzte auf Schadensersatz verklagt. Das Beweissicherungsverfahren zog sich in die Länge. 2008 hat Hases Anwältin dann Klage gegen einen der Nachbehandler eingereicht.

 

O-Ton 3, Lisa Hase, 15 Sekunden

„Acht Wochen nach Einreichung dieser Klage rief der zuständige Richter bei meiner Anwältin an und teilte ihr mit, dass das Gericht die psychatrische Begutachtung meines Geisteszustandes wolle. Ich bin aus allen Wolken gefallen und hab gedacht, das ist irgendwie ein Irrtum.“

 

Text

Was folgte kann man entweder als kafkaesk oder als Justizskandal bezeichnen. Der Richter beauftragte tatsächlich das psychiatrische Gutachten für Hase, eine geistig völlig gesunde Frau. Für den Rechtswissenschaftler Martin Schwab von der Universität Bielefeld eine schwerwiegende Entscheidung.

 

O-Ton 4, Martin Schwab, 22 Sekunden

„Wenn ein Gericht die Prozessfähigkeit durch ein solches Gutachten prüfen lassen möchte, heißt es ja, dass sie diese Partei, um die es geht, vor die Wahl zwischen Pest und Cholera stellt. Entweder sie begibt sich in die Hände eines Sachverständigen, dem sie nicht vertraut, oder die Klage wird eben als unzulässig abgewiesen.“

 

Text

Deshalb braucht es für einen solchen Vorgang eine solide Begründung. Im Fall Hases war das die Klage gegen mehrere Zahnärzte. Der Richter deutete das als ein Zeichen einer „querulatorischen Persönlichkeitsstörung“. Und statt die Ursache der Zahnschmerzen bei den Behandlern zu suchen, hat der Richter aus einem Gutachten von Hases seinerzeit behandelnden Therapeuten -Zitat- „konkrete Anhaltspunkte für die Möglichkeit einer psychosomatischen Erkrankung“ abgeleitet. Für  Schwab ein Skandal.

 

O-Ton 5, Martin Schwab, 10 Sekunden

„In dem Gutachten steht klipp und klar drin, Frau Hase ist völlig normal, da ist überhaupt nichts dran zu zweifeln. Dass es ihr psychisch nicht gut geht, ist auf die Schmerzen zurückzuführen, das bildet die sich nicht bloß ein.“

 

Text

Auch für die anderen Begründungen des Landgerichts hat Schwab kein Verständnis.

 

O-Ton 6, Martin Schwab, 7 Sekunden

„Eine Erklärung dafür habe ich nicht. Eine Erklärung, die einer juristischen Validierung standhalten würde, kann es jedenfalls nicht sein.“

 

Text

Doch warum bestand der Richter auf der Erstellung des neuen Gutachtens? Hase hat dazu einen konkreten Verdacht:

 

O-Ton 7, Lisa Hase, 18 Sekunden

„Der vorsitzende Richter, das wusste ich, der kam aus Lüneburg. Der war lange Jahre in Lüneburg gewesen. Und der beauftragte Gutachter kam aus dem Landkreis Lüneburg. Und ich war mir ziemlich sicher, dass der vorsitzende Richter diesen beauftragten Gutachter kannte und dass er nicht zufällig beauftragt worden war.“

 

Text

Und so liegt der Verdacht nahe, dass Hase mundtot gemacht werden sollte, zumal einige der verklagten Zahnärzte selber als Gutachter für das Landgericht gewesen seien sollen, wie der NDR berichtet. Das allerdings bestreitet der vorsitzende Richter des Landgerichts, Michael Kalde. Die von Hase verklagten Zahnärzte seien nicht für das Landgericht tätig gewesen, abseits einer Berufungssache aus dem Jahr 2005. Warum sich um den Fall Hase eine solche Posse entwickelt hat, bleibt also offen. Die Schadensersatzforderung von Lisa Hase ist jedenfalls noch nicht abschließend verhandelt worden. Und demnächst will sich auch der Petitionsausschuss des Landtags damit beschäftigen.

Zur Verfügung gestellt vom StadtRadio Göttingen

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