home Beiträge Umwelt und Verkehr „Erst Bienen, dann Vögel, dann wir?“ - Göttinger Grüne diskutieren über Biodiversität  · 

„Erst Bienen, dann Vögel, dann wir?“ - Göttinger Grüne diskutieren über Biodiversität

Sendung: Mittendrin [Redaktion]
Autor: Sophie Künstler
vom 06.12.2017 (bisher gehört: 82 | gelesen: 217)
Dauer: 04:26 Minuten

Hochsaison ist im Sommer – dann summen und brummen sie durch die Lüfte und gehen so manchem auf die Nerven. Aber so sehr Bienen manchmal auch stören, so wichtig sind sie doch für die Umwelt. Ohne sie würde die Landwirtschaft leiden. Die Göttinger Grünen haben zu diesem Thema diskutiert und dazu Experten, aber auch interessierte Bürger eingeladen. Sophie Künstler war bei der Veranstaltung „Erst Bienen, dann Vögel, dann wir?“ für das StadtRadio vor Ort.

mp3
Lade Player...
Dieser Beitrag wird Ihnen präsentiert von Wochenmarkt Göttingen.
Die Göttinger Grünen haben über den Bienenschwund und seine Folgen informiert. (Bild. Sophie Künstler)

Manuskript

Text

Das Thema Artensterben ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Meist wird über den rapiden Rückgang von Bienen diskutiert. Teja Tscharntke, Professor für Agrarökologie an der Universität Göttingen, betont, dass nicht, wie meist angenommen der Rückgang an Honigbienen das Problem sei. Vielmehr gehe die Zahl der weit über 500 Wildbienenarten in Europa drastisch zurück.

 

O-Ton 1, Teja Tscharntke, 35 Sekunden

„Diese Wildbienen haben auch eine große Funktion bei der Bestäubung, nicht nur von Wildpflanzen, sondern auch von Kulturpflanzen. Sie sind sehr viel effektivere Bestäuber als die Honigbiene und viele Leistungen hinsichtlich der Ertragssteigerung von Kulturen hängen an den Wildbienen. Also wenn Sie an Erdbeerfelder oder Kirschplantagen in der Umgebung von Göttingen denken, dann wird der erhöhte Ertrag von Wildbienen geleistet, aber nicht von Honigbienen. Und das hätte auch zur Konsequenz, dass man im stärkeren Maß diese Wildbienen managen müsste, um deren Funktion auch zu erhalten.“

 

Text
Durch die Bestäubung von Pflanzen werde ihr Ertrag und die Qualität gefördert. So liegt der jährliche Wert der globalen Bestäubungsdienstleistung bei 253 bis 577 Milliarden US Dollar. Dennoch sind etwa 40 Prozent aller Bestäuberarten vom Aussterben bedroht. Besonders die Landwirtschaft wird dafür zur Verantwortung gezogen. Der Leiter der Biodiversität der Heinz Sielmann-Stiftung, Heiko Schumacher, sieht die Schuld jedoch nicht ausschließlich bei den Landwirten.


O-Ton 2, Heiko Schumacher, 31 Sekunden

„Die Ursachen sind mit Sicherheit vielfältig. Es gibt einzelne Hinweise darauf, dass bestimmte intensive Landnutzungsformen einen gewissen Anteil an diesen Rückgängen haben. Aber ich denke, da muss man das große Ganze betrachten und kann jetzt nicht auf einzelne Gruppen zeigen. Insgesamt ist es aber sicherlich so, auch muss man wieder sagen, dass jeder Einzelne bei sich selbst einmal schauen muss. Wie sieht es eigentlich mit meinem Verhalten aus? Wie viel bin ich bereit für bestimmte landwirtschaftliche Produkte zu bezahlen? Wie sieht es mit meiner Mobilität aus, mit meinem Reiseverhalten, meinem Wohnen und so weiter? All das hängt mit allem zusammen.“

 

Text

Auch der immer weiter fortschreitende Klimawandel führt zu einem großen Artenrückgang. Davon seien nicht nur Insekten betroffen. Vögel würden ebenfalls unter den klimatischen Veränderungen leiden, so Schumacher weiter.

 

O-Ton 3, Heiko Schumacher, 29 Sekunden

„Vogelarten sind teilweise Zugvögel, die nach Afrika ziehen und wieder zurückkommen, nehmen wir mal den Waldspecht, den Kuckuck und andere. Und die fressen teilweise Insekten, bestimmte Grasmückenarten. Und wenn das hier früher warm wird, dann schlüpfen die Insekten früher und die Vogelarten finden nicht mehr zu dem Zeitpunkt, wenn sie zurückkommen, die auf sie spezialisierten Insektenarten vor, die ihnen als Nahrung dienen. Das ist ein riesiges Problem und wird sich zu einem noch größeren auswachsen, dessen Ausmaß wir im Moment noch gar nicht beurteilen können.“

 

Text

Doch auch die Landwirtschaft steht in großer Kritik. Die Anwendung von Pflanzengiften, wie Glyphosat und Insektiziden, wie die Neonikotinoide, tragen stark zum Artensterben bei. So verringern die sogenannten Neonikotinodie das Heimfindevermögen von Honigbienen, die Bestäubungsfähigkeit und generell das Überleben von Wildbienen. Hinzu kommt, dass die Landwirtschaft immer stärker von Monokulturen geprägt ist, Das führt dazu, dass Bienen durch Nahrungsmangel und die einseitige Ernährung geschwächt werden. Achim Hübner, Geschäftsführer des Landvolks Göttingen, sieht die Lösung für dieses Problem in einem offenen Dialog.

 

O-Ton 4, Achim Hübner, 35 Sekunden

„Ich bin mir sicher, dass hier vor Ort die Kooperation mit vielen Imkern eigentlich ganz gut läuft. Und wir aber trotzdem aufgerufen sind, da immer noch mehr zu tun, das ist überhaupt keine Frage. Sehr schwierig ist für uns im Moment diese Zerreißprobe zwischen der überall wahrgenommenen öffentlichen Diskussion und den hohen Anforderungen, denen die Landwirte da entgegengestellt sind. Und auf der anderen Seite den wirtschaftlichen Zwängen, denen jeder Einzelne ausgesetzt ist. Und das ist eine Zerreißprobe, die sehr, sehr schwer, glaube ich, zu meistern sein wird. Wir sind gut berufen, wenn wir in Gänze eine Diskussionskultur finden, die wieder vernünftig für ein Miteinandersprechen sorgt. Und nicht mehr zu sehr über die Medien mit sehr einfachen Antworten versucht wird, schwierigste Probleme zu lösen. Das wird kein Lösungsweg sein können.“

 

Text

Auch durch kleine Taten könne jeder dem Artensterben entgegenwirken. Denn ohne die Bestäubung der Pflanzen durch die Bienen, würde die Landwirtschaft Einbußen machen. Diese würden sich dann nicht nur finanziell auswirken. Die Menschen wären dann eines Tages von Nahrungsmittelknappheit betroffen. Aus diesem Grund hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft für alle Interessierten eine App entwickelt, die Infos zur Bienenfreundlichkeit und Tipps zum Thema Bienenfüttern enthält.

Links / Verweise

Zur Verfügung gestellt vom StadtRadio Göttingen

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für private Zwecke benutzt werden. Jede andere Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der Öffentlichkeit, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit Zustimmung der Autorin bzw. des Autors zulässig. Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf der Genehmigung des StadtRadio Göttingen.
 

 
Hosting und Streaming von Syndicat