Sendung: Mittendrin Redaktion
AutorIn: Tina Fibiger
Datum:
Dauer: 04:00 Minuten bisher gehört: 155
Das Jugendhaus Gartetalbahnhof ist ein beliebter Treffpunkt für Kinder- und Jugendliche aus der Groner Landstraße 9. Dort reifte auch im Bündnis mit dem Jungen Theater der Plan für kreative Experimente mit Unterstützung durch das Kulturförderprogramm „Storytelling“. Mit dem Musiker Justin Ciuche und Filmemacher Thomas Kirchberg machte sich Projektleiterin Luise Rist ans Werk. Kreative Bilanz nach einer Reihe von Workshops sind zwei kurze Videos, in denen die jungen „Storyteller“ ihre Geschichten mit Graffiti und Rapsongs erzählen. Tina Fibiger war für uns bei der Videopremiere im Jungen Theater.

Manuskript

O-Ton 1, Einspieler Video, 7 Sekunden

Text

„Viel Leid in mir, nach außen lächeln wir“, rappen Bogdan Suli und Raul Sebastian auf Rumänisch. „Mir ist egal, was andere machen. Ich träume von Musik, Sport und Geld.“ Projektleiterin Luise Rist war spontan begeistert, als sie die 17-jährigen Rapper im Jugendhaus Gartetalbahnhof erlebte. Mit den Impulsen der beiden Jugendlichen und dem musikalischen Engagement von Justin Ciuche konnte die Göttinger Autorin und Regisseurin auch die Acht- bis 14-Jährigen beflügeln, für die sie zunächst ursprünglich kleine Schreibworkshops geplant hatte.


O-Ton 2, Luise Rist, 23 Sekunden

Hier ist das besonders Schwierige gewesen, dass die Kinder tatsächlich also kaum Deutsch sprechen und offensichtlich aus ihrer Community noch gar nicht rausgekommen sind und nicht angedockt haben an deutschsprachige Kinder und Jugendliche. Justin Ciuche, der ist selbst Rumäne, hat sich das Ganze mal angeguckt und hat gleich ein paar Instrumente mitgebracht und das war direkt eine ganz super Session.“


Text

Das Spektakel auf der Bühne des Jungen Theaters unmittelbar nach der Videovorführung erinnert an die Atmosphäre im Jugendhaus Gartetalbahnhof, wie sie Luise Rist bei den gemeinsamen Treffen erlebt hat. Die mussten in den Lockdown-Monaten immer wieder abgesagt oder verschoben werden. Auf feste Verabredungen mochten sich die Kinder und Jugendlichen auch nur selten einlassen, bis Rist sie mit einem Fundus an Kostümen, Perücken und Requisiten überraschte und aus dem „Storytelling“-Abenteuer zunächst ein Graffiti-Abenteuer wurde.


O-Ton 3, Luise Rist 27 Sekunden, Einspieler Video 4 Sekunden

Dann haben sich die direkt auf die Kostüme gestürzt und in der Figur war dann doch mehr möglich. Was machen wir jetzt, wo gehen wir hin, was machen wir für eine Aktion: Graffiti-Wand, weil, wie können sie sich ausdrücken, erst mal sehr plakativ und auch mit dem schnellen Medium. Keine Texte auf Papier schreiben, sondern Texte an die Wand und alle wollten ihren eigenen Namen schreiben. Ich meine, ist doch auch toll. Sie hatten die Kamera selbst in der Hand. Sie haben einzelne Szenen selber aufgenommen.“


Text

Das Video zeigt sie nicht nur als Sprayer in Aktion und bunt verkleidet, wie sie die Graffiti-wand am Jugendhaus besprühen, sondern dann auch auf dem Weg zum Gänseliesel-Brunnen, mit einem Bollerwagen und weiteren bunten Requisiten im Schlepptau. Sie genießen das turbulente Spektakel mit Musik aus dem Ghettoblaster und auch die neugierigen Blicke der Passantinnen und Passanten in der Weender Straße. Rist hatte ihnen von der Gänseliesel-Tradition erzählt und warum sie von Doktorandinnen und Doktoranden gepflegt wird.


O-Ton 3, Luise Rist, 24 Sekunden

Das war das Schönste. Der Plan war, wir bleiben nicht da, wo wir sind, sondern wir bewegen uns. Wir wollen mit den Kindern gesehen werden in der Stadt, da wo sie hingehören. Die erste Frage war: Hoch auf den Brunnen? Ja, sicher, da wird immer das Gänseliesel geküsst. Warum sollen wir das nicht auch machen, dass man da einfach so hochklettert? Das eine Mädchen hat dann quasi die kleine Doktorin auch gespielt, die dann eben durch den Kuss jetzt auch zur Doktorin geworden ist.“


Text

Für die Göttinger Autorin und Regisseurin bei zahlreichen boat people Projekten ist das Schlussbild von besonderer Bedeutung. Sie sieht darin auch eine Parabel für Kinder- und Jugendliche aus Migrantenfamilien, die in der Groner Landstraße wohnen und nun ihrer Umgebung spielerisch kreativ begegnen.


O-Ton 5, Luise Rist, Sekunden

Das würde ich mir für die Zukunft wünschen, wenn wir oder jemand anders mit denen weiterarbeitet, dass man versucht, in kleineren Gruppen sie an solche Projekte heranzuziehen.“